Erlebnisblog
am 30.09.2026

Unser Weg über die Alpen – selfguided von Oberstdorf nach Meran

E5 Wegweiser

Wir hatten schon länger den Wunsch, einmal gemeinsam zu Fuß die Alpen zu überqueren. Nicht als Teil einer geführten Gruppe, sondern in unserem eigenen Tempo und mit der Freiheit, unterwegs auch einmal stehen zu bleiben, länger zu schauen oder einfach eine Pause zu machen, wenn uns danach war. Gleichzeitig wollten wir uns aber nicht selbst um Hütten, Unterkünfte, Streckenplanung und die vielen organisatorischen Einzelheiten kümmern. Genau deshalb haben wir uns für die Selfguided Alpenüberquerung auf dem E5 mit Alpintrekker entschieden.

Im Nachhinein können wir sagen: Für uns war es genau die richtige Entscheidung. Wir waren eigenständig unterwegs und hatten trotzdem von Anfang an das Gefühl, dass im Hintergrund alles gut vorbereitet war. Die Unterlagen und Informationen vor der Reise gaben uns Sicherheit, und gerade die Kombination aus Roadbook und GPS-Daten war unterwegs sehr angenehm. Man musste nicht ständig überlegen, wie es weitergeht, sondern konnte sich auf die Wanderung konzentrieren. Und genau das wollten wir.
Unsere Reise begann in Oberstdorf. Natürlich waren wir an diesem ersten Morgen ein bisschen aufgeregt. Vor uns lagen mehrere Tage in den Bergen und am Ende sollte tatsächlich Meran auf der anderen Seite der Alpen liegen. Das klingt bei der Planung noch ziemlich abstrakt. Erst wenn man mit dem Rucksack dasteht und losgeht, begreift man langsam, was man sich eigentlich vorgenommen hat.

Von der Spielmannsau führte uns der erste Wandertag durch den Sperrbachtobel hinauf zur Kemptner Hütte. Die Landschaft wurde mit jedem Höhenmeter beeindruckender und gleichzeitig merkten wir schnell, dass wir unseren eigenen Rhythmus finden mussten. Genau das war einer der großen Vorteile dieser Reise. Wir mussten niemandem hinterherlaufen und auf niemanden warten. Wenn einer von uns eine Pause brauchte, machten wir eine Pause. Wenn uns ein Platz besonders gut gefiel, blieben wir einfach ein paar Minuten länger.
An der Kemptner Hütte angekommen, hatten wir zum ersten Mal dieses richtige Gefühl: Jetzt sind wir mittendrin. Nach der Pause ging es weiter über das Mädelejoch und schließlich hinunter ins Lechtal nach Holzgau. Als wir dort ankamen, waren die Beine durchaus müde. Gleichzeitig waren wir unglaublich zufrieden. Der erste Tag war geschafft – und aus der Idee einer Alpenüberquerung war plötzlich Realität geworden.

Am nächsten Morgen brachte uns der Taxi-Transfer durch das Madautal in Richtung Memminger Hütte. Wir fanden es sehr angenehm, dass solche organisatorischen Dinge bereits durchdacht waren. Gerade bei einer Selfguided Tour merkt man schnell, wie wertvoll eine gute Planung ist. Man ist zwar ohne Guide unterwegs, muss sich aber nicht jeden Abend damit beschäftigen, wie man am nächsten Morgen zum Ausgangspunkt kommt oder welche Verbindung funktioniert.
Der Aufstieg zur Memminger Hütte war wunderschön. Oben angekommen hatten wir genügend Zeit, die Umgebung zu genießen. Diese Nachmittage auf den Hütten sind uns besonders in Erinnerung geblieben. Irgendwann sind die Tageswanderer verschwunden, es wird ruhiger und man sitzt einfach zwischen den Bergen. Wir haben oft zusammengesessen, etwas getrunken und über den vergangenen Tag gesprochen. Das waren eigentlich ganz unspektakuläre Momente – und vielleicht gerade deshalb einige der schönsten.

Der dritte Wandertag über die Seescharte hatte es dann in sich. Von der Memminger Hütte ging es vorbei an den Gebirgsseen hinauf zur Seescharte. Mit 2.599 Metern war sie für uns einer der eindrucksvollsten Punkte der ersten Tage. Oben zu stehen, zurückzuschauen und gleichzeitig zu sehen, welche Bergwelt noch vor einem liegt, war ein besonderes Erlebnis.
Der anschließende lange Abstieg Richtung Zams verlangte unseren Beinen einiges ab. An diesem Tag haben wir auch gemerkt, dass eine Alpenüberquerung trotz aller schönen Bilder eben eine richtige Bergwanderung ist. Es gibt Momente, in denen man müde wird und froh ist, wenn das Tagesziel näher kommt. Aber genau diese Anstrengung gehört für uns im Nachhinein dazu. Abends weiß man, was man geleistet hat.
Nach unserer Ankunft wurden wir abgeholt und zu unserer Unterkunft oberhalb des Inntals gebracht. Und plötzlich saßen wir wieder ganz entspannt da und blickten auf die Berge, durch die wir gerade gelaufen waren. Solche Wechsel haben die Reise für uns ausgemacht: unterwegs konzentriert und manchmal auch gefordert, am Abend zufrieden und voller neuer Eindrücke.
Am vierten Tag veränderte sich die Landschaft immer stärker. Über den Venet und die aussichtsreichen Bergwege ging es in Richtung Pitztal. Spätestens dort hatten wir das Gefühl, dass wir die Allgäuer und Lechtaler Bergwelt hinter uns ließen und uns einer ganz anderen Gebirgslandschaft näherten.

Der Aufstieg vom hinteren Pitztal zur Braunschweiger Hütte war für uns einer der beeindruckendsten Abschnitte der gesamten E5 Alpenüberquerung. Je höher wir kamen, desto mächtiger wurde die Umgebung. Gletscher, Fels und hohe Gipfel bestimmten plötzlich das Bild. Der Blick auf den Mittelbergferner und in Richtung Wildspitze hat uns beide tief beeindruckt.
Als wir schließlich an der Braunschweiger Hütte ankamen, waren wir erschöpft, aber glücklich. Man sitzt dort oben, schaut in diese gewaltige Bergwelt und denkt für einen Moment darüber nach, welche Strecke bereits hinter einem liegt. Wir hatten inzwischen unseren Rhythmus gefunden. Morgens Rucksack packen, Schuhe anziehen, Strecke noch einmal anschauen und losgehen – das war nach wenigen Tagen fast selbstverständlich geworden.
Der fünfte Tag führte uns über das Rettenbachjoch. Fast 3.000 Meter Höhe – für uns allein diese Zahl vorher schon etwas Besonderes. Die Landschaft dort oben war rauer und alpiner als an den ersten Tagen. Gleichzeitig hatten wir inzwischen viel Vertrauen in unseren eigenen Ablauf entwickelt. Wir wussten, wie wir miteinander unterwegs funktionieren, wann wir Pausen brauchen und welches Tempo für uns beide gut passt.

Nach dem Übergang führte uns die Route über einen Höhenweg nach Vent. Dort eine Pause einzulegen und etwas zu essen, tat richtig gut, denn anschließend wartete noch der Aufstieg zur Martin-Busch-Hütte. Dieser letzte Abschnitt des Tages zog sich für uns durchaus etwas. Wir mussten beide lachen, weil irgendwann jeder von uns heimlich gehofft hatte, hinter der nächsten Kurve endlich die Hütte zu sehen.
Als sie dann tatsächlich vor uns lag, war die Freude entsprechend groß.
Der Abend auf der Martin-Busch-Hütte gehört zu unseren schönsten Erinnerungen. Vielleicht lag es daran, dass wir wussten, dass der große letzte Übergang bevorstand. Vielleicht auch daran, dass wir an diesem Abend zum ersten Mal wirklich realisierten, wie weit wir bereits gekommen waren. Oberstdorf fühlte sich plötzlich sehr weit entfernt an – und Südtirol war schon ganz nah.

Der sechste Wandertag war dann unser persönlicher Höhepunkt.
Von der Martin-Busch-Hütte stiegen wir hinauf zur Similaunhütte auf über 3.000 Meter. Der Weg dorthin war für uns etwas ganz Besonderes. Schritt für Schritt ging es höher und irgendwann standen wir tatsächlich an der Similaunhütte auf 3.019 Metern. Wir haben dort eine längere Pause gemacht und einfach nur geschaut.
Es war dieser Moment, auf den wir während der ganzen Tour hingewandert waren.
Wir hatten die Alpen noch nicht vollständig überquert, aber dort oben wussten wir: Jetzt schaffen wir es. Das war ein richtig schönes gemeinsames Gefühl. Keine große Inszenierung, kein dramatischer Moment – eher ein stilles Glück darüber, dass wir beide zusammen dort angekommen waren.

Anschließend ging es hinunter ins Schnalstal. Die Landschaft veränderte sich erneut und irgendwann tauchte der Vernagt-Stausee unter uns auf. Nach all den Tagen in den Bergen war dieser Blick fast unwirklich. Von dort fuhren wir weiter nach Meran.
Und dann standen wir plötzlich in Südtirol.
Dieser Wechsel war kaum zu beschreiben. Morgens waren wir noch auf über 2.500 Metern gestartet, standen später an der Similaunhütte auf über 3.000 Metern und am Abend saßen wir in Meran. Nach Tagen mit Bergschuhen, Rucksack, Hütten und Höhenmetern plötzlich mediterranes Flair, warme Luft und dieses ganz andere Lebensgefühl.
Wir haben an diesem Abend lange zusammengesessen und die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Natürlich waren wir stolz. Vor allem waren wir aber dankbar dafür, diese Reise gemeinsam gemacht zu haben.

Was uns an der Selfguided-Variante besonders gefallen hat, war die Mischung aus Freiheit und Organisation. Wir wollten die Alpenüberquerung selbst erleben und nicht einfach einer Gruppe folgen. Gleichzeitig wollten wir unsere Abende vor der Reise nicht damit verbringen, jede Unterkunft, jeden Transfer und jedes Detail selbst zusammenzusuchen. Genau diese Arbeit war uns abgenommen worden.
Das Roadbook und die GPS-Daten waren unterwegs für uns wichtige Begleiter. Wir konnten morgens starten und wussten, was uns an diesem Tag erwartet. Trotzdem blieb es unsere Tour. Wir entschieden über unser Tempo, unsere Pausen und darüber, wie wir den Tag gestalten wollten.
Auch das Gefühl, bei Bedarf einen Ansprechpartner zu haben, fanden wir beruhigend. Wir haben diese Unterstützung unterwegs kaum benötigt – und genau das spricht eigentlich für die Vorbereitung. Vieles, über das man sich bei einer selbst organisierten Alpenüberquerung Gedanken machen müsste, war bereits geregelt.

Die Rückfahrt von Meran nach Oberstdorf war dann fast ein kleines Erlebnis für sich. Während der Bus Kilometer um Kilometer zurücklegte, wurde uns erst richtig bewusst, welche Entfernung wir in den vergangenen Tagen zu Fuß zurückgelegt hatten. Immer wieder blickten wir hinaus und versuchten einzuordnen, hinter welchen Bergen wir unterwegs gewesen waren.
Als wir schließlich wieder in Oberstdorf ankamen, war es ein merkwürdiges Gefühl. Eine Woche zuvor hatten wir hier gestanden und nicht genau gewusst, was uns erwartet. Jetzt kamen wir mit müden Beinen, vielen Bildern im Kopf und einer gemeinsamen Erfahrung zurück, die uns wahrscheinlich noch lange begleiten wird.
Wer eine E5 Alpenüberquerung selfguided plant, sollte aus unserer Sicht Freude am Bergwandern mitbringen, sich die täglichen Höhenmeter zutrauen und auch längere Etappen gewohnt sein. Es ist kein Spaziergang. Aber gerade deshalb fühlt es sich am Ende auch so besonders an.

Für uns war diese Alpenüberquerung viel mehr als nur eine Wanderreise von Oberstdorf nach Meran. Es waren sieben Tage, in denen der Alltag erstaunlich schnell weit weg war. Morgens ging es irgendwann nur noch darum, den Rucksack aufzusetzen und loszulaufen. Der nächste Pass, die nächste Hütte und der gemeinsame Weg bestimmten den Tag.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an einer Alpenüberquerung: Man startet mit einem Ziel auf der anderen Seite der Berge und merkt unterwegs, dass eigentlich jeder einzelne Tag Teil dieses Ziels ist.

Wir würden die Tour jederzeit wieder machen – und die Selfguided-Variante war für uns genau die richtige Art, den E5 zu erleben. Bis zu nächsten Mal
Melanie & Reinhard

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